18.09.2020

Miteinander sprechen statt einigeln

Jude und Christin machen vor, wie gut es geht


Foto oben: Daniel Neumann und Ulrike Volke,

Foto Mitte: Zuhörer

(Fotos: D. Volke - zum Vergrößern bitte anklicken)

Es war ein ganz besonderer Abend. Daniel Neumann erzählte, was ihn als Jude geprägt hat und was ihm seine Religion bedeutet. Authentisch und ohne Schnörkel. „Eine Religion des Lebens, die Halt gibt, Leben prägt und mich hineinnimmt mitten ins Meer des Judentums“, so sein Grundverständnis. Einigeln als Jude ist seine Sache nicht. Vielmehr: Begegnung. „Das ist ein ganz elementarer Teil meiner Arbeit. Begegnung ist enorm wichtig für unser Leben.“, sagte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Darmstadt und Direktor des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden in Hessen.
Darin war er sich einig mit seiner Gesprächspartnerin aus dem Ökumenischen Gemeindezentrum Kranichstein, Ulrike Volke, ehemals evangelische Religionslehrerin. Ihr ist seit vielen Jahren die Begegnung von Menschen unterschiedlicher Religionen ein Anliegen. „Begegnung“ war der rote Faden des Abends (15. September) in der Philippuskirche anlässlich des 40-jährigen Bestehens des Ökumenischen Gemeindezentrums, und zwar gelingende, ja beglückende Begegnung. Es war zu spüren: da redeten zwei nicht nur über Begegnung, sondern begegneten sich und nahmen die Zuhörer*innen mit hinein. Persönlich und darum anschaulich, ernsthaft – und dennoch mit Witz.
Ulrike Volke erzählte, wie sie vor 36 Jahren Daniel Neumanns Oma Frania in der jüdischen Gemeinde kennenlernte. Neu in Darmstadt, interessiert an jüdischer Religion wurde sie als Christin hier herzlich aufgenommen. An Frania Neumanns Arm sieht sie die tätowierte Nummer. Frania Neumann berichtet, dass sie das KZ überlebt hat, ihr Mann nicht. Die Begegnung der beiden Frauen endete nicht in Bedrückung, sondern nahm eine überraschende Wende, von der Ulrike Volke auch noch nach vielen Jahren gerührt erzählt: „Frania legte ihre Hand auf meinen Arm und sagte: ‚Es ist schön, dass wir beide jetzt hier so sitzen können…‘“ Diese Begegnung sei damals mit Anlass gewesen, dieses Gespräch zu vertiefen und auch der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit beizutreten.
Über solche individuellen Begegnungen hinaus sei wichtig die Begegnungen in Gemeinschaft zu verankern, pflichtete ihr Daniel Neumann bei. „Die Begegnung in der Gemeinschaft ist wichtig, um falsche Vorstellungen abzubauen. Nur hier kann ich erfahren, wie der andere wirklich tickt.“ So engagiere er sich im „Abrahamischen Forum“, wo Juden, Christen und Muslime im Gespräch miteinander seien und zum Beispiel Teams aus den drei Religionen in den Nahen Osten entsenden würden - in friedlicher Mission. Das könnte man zwar als „romantisierend“ ansehen, weil einzelne gegen die herrschende Politik doch nichts ausrichten könnten. Es sei aber ein wichtiges Zeichen.
Darin trafen sich wiederum Neumann und Volke: „Etwas auf den Weg zu bringen, das wir gemeinsam tun, das hilft, den anderen besser zu verstehen.“
Auch in dieser Perspektive war dieser Abend anlässlich des 40-jährigen Bestehens des Ökumenischen Gemeindezentrums eine gelungene Begegnung, die beispielhaft konkretisierte, was auch Anliegen des Miteinanders im Gemeindezentrum und über das Gemeindezentrum hinaus ist. Die knapp 60 Besucher*innen waren zufrieden und erfreut, dass diese Begegnung trotz Corona ermöglicht wurde. Neu war die Übertragung, so dass man auch zuhause dabei sein konnte, was gerne genutzt wurde.

Daniel Neumann  im Gespräch zu den Stichworten…
Glaube? - Im Judentum kommt es mehr auf das an, was man tut. Im Christentum hat „Glaube“ eine zentralere Bedeutung.
Wichtige Bibelstelle? - Viele. Alle, die damit zu tun haben: ‚Ihr sollt durch diese Gebote, die ich euch gebe‘, das Leben lesen. Das Judentum ist eine Religion des Lebens. Wir sollen das Leben mit vollen Zügen umarmen. Das Leben hat so hohen Wert, dass Gesundheitsschutz und Lebensschutz in der Corona-Zeit Vorrang vor allen religiösen Praktiken hat.
Schwierige Bibelstellen? – Die ganze Bibel ist voll von schwierigen Sätzen. Stellen, die einen moralisch straucheln lassen. Sie regen zum Nachdenken an. Wie viel Mensch und wie viel Gott steckt dahinter? Das meiste wird im Judentum nicht unhinterfragt hingenommen.
Persönliches Gebet? – Ich bin keiner, der in religiöser Spiritualität schwelgt. Im Gottesdienst sind mir die Gemeinschaft und die Gesänge wichtig. Ich bin nicht der ‚klassische Beter‘, sondern einer, der täglich in der Thora liest und sich mit ihr beschäftigt.
Essen? – Essen ist gut. Sehr gut. Dient dem Leben. Essen ist elementarer Teil des Judentums. Neumann zitiert sinngemäß: Sie wollten uns vernichten. Sie haben es nicht geschafft. Guten Appetit.
Rabbinerin? – lacht Die gibt es. - Nachfrage: Auch für Darmstadt? - Kann ich mir nicht vorstellen. Wir sind eine liberale Gemeinde in orthodoxer Hülle.
Kranichstein? – Meine Heimat. Nähe zum Wald. Multikulturelle Prägung gefällt mir. Ideal um in die Synagoge in Darmstadt zu kommen und zu meinem Arbeitsplatz in Frankfurt.
Israel? – Spiritueller und theologischer Ort meiner Religion. Mir persönlich zu chaotisch, um dort zu leben. Da bin ich eher preußisch geprägt.

Dietmar Volke


 

 

Ökumenisches Gemeindezentrum